AMERIKA GIBT ES NICHT

 
 

AMERIKA GIBT ES NICHT




von Peter Bichsel

Ich habe die Geschichte (история) von einem Mann, der Geschichten erzählt. Ich habe ihm mehrmals (много раз) gesagt, dass ich seine Geschichte nicht glaube (не верю).
"Sie lügen (вы лжете)", habe ich gesagt, "Sie schwindeln (врете), Sie phantasieren (выдумываете, фантазируете), Sie betrügen (обманываете)."
Das beeindruckte ihn nicht (это его не впечатляло). Er erzählte ruhig weiter (спокойно дальше), und als ich rief (воскликнул: rufen): "Sie Lügner (лжец), Sie Schwindler (обманщик), Sie Phantast (фантазер), Sie Betrüger (обманщик, мошенник)!", da schaute er mich lange an (долго смотрел на меня: anschauen), schüttelte den Kopf (качал головой), lächelte traurig (печально улыбался) und sagte dann so leise (так тихо), dass ich mich fast schämte (мне почти было стыдно): "Amerika gibt es nicht."
Ich versprach (обещал: versprechen) ihm, um ihn zu trösten (чтобы его успокоить), seine Geschichte aufzuschreiben (записать):


Ich habe die Geschichte von einem Mann, der Geschichten erzählt. Ich habe ihm mehrmals gesagt, dass ich seine Geschichte nicht glaube.
"Sie lügen", habe ich gesagt, "Sie schwindeln, Sie phantasieren, Sie betrügen."
Das beeindruckte ihn nicht. Er erzählte ruhig weiter, und als ich rief: "Sie Lügner, Sie Schwindler, Sie Phantast, Sie Betrüger!", da schaute er mich lange an, schüttelte den Kopf, lächelte traurig und sagte dann so leise, dass ich mich fast schämte: "Amerika gibt es nicht."
Ich versprach ihm, um ihn zu trösten, seine Geschichte aufzuschreiben:

Sie beginnt (начинается) vor fünfhundert Jahren (500 лет назад) am Hofe (при дворе) eines Königs (одного короля), des Königs von Spanien (Испания). Ein Palast (дворец), Seide (шелк) und Samt (бархат), Gold (золото), Silber (серебро), Bärte (бороды), Kronen (короны), Diener (слуги) und Mägde (служанки); Höflinge (придворные), die sich im Morgengrauen (в утренние сумерки) gegenseitig (друг другу) die Degen (шпаги) in die Bäuche rennen (в животы всаживают), die sich am Abend zuvor den Fehdehandschuh vor die Füße geschmissen haben (которые вечером накануне вызвали друг друга на дуэль: die Fehde – вражда, der Handschuh – перчатка, der Fuß – нога, schmeißen – бросать). Auf dem Turm (на башне) fanfarenblasende Wächter (трубящие в фанфары часовые). Und Boten (курьеры), die vom Pferd springen (которые спрыгивают с лошади), und Boten, die sich in den Sattel werfen (вскакивают в седло), Freunde des Königs (друзья короля) und falsche Freunde (неверные друзья), Frauen, schöne und gefährliche (красивые и опасные), und Wein (вино) und um den Palast herum Leute (а вокруг дворца люди), die nichts anderes wussten (не знали ничего другого), als all das zu bezahlen (как все это оплачивать).
Aber auch der König wusste nichts anderes, als so zu leben (как жить так), und wie man auch lebt (как бы человек ни жил), ob in Saus und Braus (в роскоши) oder Armut (бедности), ob in Madrid, Barcelona oder irgendwo (где-нибудь), am Ende (в конце концов) ist es doch täglich dasselbe (каждый день одно и то же), und man langweilt sich (скучает). So stellen sich die Leute, die irgendwo wohnen, Barcelona schön vor (так, люди, живущие где-нибудь, думают, что в Барселоне красиво: sich vorstellen – представлять себе), und die Leute von Barcelona möchten nach irgendwo reisen (поехать путешествовать куда-нибудь).
Die Armen (бедняки) stellen es sich schön vor, wie der König zu leben, und leiden darunter (страдают от того), dass der König glaubt, arm sein sei für die Armen das richtige (что бедняки должны быть бедными: быть бедным для бедных правильно).

Jemandem den Fehdehandschuh vor die Füße werfen – вызывать к-либо на поединок
den Fehdehandschuh aufheben – принимать вызов
in Saus und Braus – прожигать жизнь в свое удовольствие; жить в роскоши

Sie beginnt vor fünfhundert Jahren am Hofe eines Königs, des Königs von Spanien. Ein Palast, Seide und Samt, Gold, Silber, Bärte, Kronen, Diener und Mägde; Höflinge, die sich im Morgengrauen gegenseitig die Degen in die Bäuche rennen, die sich am Abend zuvor den Fehdehandschuh vor die Füße geschmissen haben. Auf dem Turm fanfarenblasende Wächter. Und Boten, die vom Pferd springen, und Boten, die sich in den Sattel werfen, Freunde des
Königs und falsche Freunde, Frauen, schöne und gefährliche, und Wein und um den Palast herum Leute, die nichts anderes wussten, als all das zu bezahlen.
Aber auch der König wusste nichts anderes, als so zu leben, und wie man auch lebt, ob in Saus und Braus oder Armut, ob in Madrid, Barcelona oder irgendwo, am Ende ist es doch täglich dasselbe, und man langweilt sich. So stellen sich die Leute, die irgendwo wohnen, Barcelona schön vor, und die Leute von Barcelona möchten nach irgendwo reisen.
Die Armen stellen es sich schön vor, wie der König zu leben, und leiden darunter, dass der König glaubt, arm sein sei für die Armen das richtige.

Am Morgen steht der König auf, am Abend geht der König ins Bett, und tagsüber (в течение дня) langweilt er sich mit seinen Sorgen (скучает со своими заботами), mit seinen Dienern, seinem Gold, Silber, Samt, seiner Seide, langweilt sich mit seinen Kerzen (свечами).
Sein Bett ist prunkvoll (роскошна), aber man kann darin (в ней) auch nicht viel anderes tun als schlafen.
Die Diener machen am Morgen tiefe Verbeugungen (низкие поклоны), jeden Morgen gleich tief (одинаково низко), der König ist daran gewöhnt (к этому привык) und schaut nicht einmal hin (даже не смотрит). Jemand (кто-то) gibt ihm die Gabel (вилку), jemand gibt ihm das Messer (нож), jemand schiebt ihm den Stuhl zu (придвигает ему стул), und die Leute, die mit ihm sprechen, sagen Majestät (величество) und sehr viele schöne Worte dazu und sonst nichts (больше ничего).
Nie sagt jemand zu ihm: "Du Trottel (дурак, идиот, глупец), du Schafskopf (болван)", und alles, was sie ihm heute sagen, haben sie ihm gestern schon gesagt.
So ist das.

Am Morgen steht der König auf, am Abend geht der König ins Bett, und tagsüber langweilt er sich mit seinen Sorgen, mit seinen Dienern, seinem Gold, Silber, Samt, seiner Seide, langweilt sich mit seinen Kerzen.
Sein Bett ist prunkvoll, aber man kann darin auch nicht viel anderes tun als schlafen.
Die Diener machen am Morgen tiefe Verbeugungen, jeden Morgen gleich tief, der König ist daran gewöhnt und schaut nicht einmal hin. Jemand gibt ihm die Gabel, jemand gibt ihm das Messer, jemand schiebt ihm den Stuhl zu, und die Leute, die mit ihm sprechen, sagen Majestät und sehr viele schöne Worte dazu und sonst nichts.
Nie sagt jemand zu ihm: "Du Trottel, du Schafskopf', und alles, was sie ihm heute sagen, haben sie ihm gestern schon gesagt.
So ist das.

Und deshalb (поэтому) haben Könige Hofnarren (придворных шутов).
Die dürfen tun, was sie wollen, und sagen, was sie wollen, um den König zum Lachen zu bringen (развеселить), und wenn er über sie nicht mehr lachen kann, bringt er sie um (убивает: umbringen) oder so.
So hatte er einmal einen Narren (шут, дурак), der verdrehte die Worte (коверкал). Das fand der König lustig (находил смешным). Der, sagte "Stajesmät" statt "Majestät", der sagte "Lapast" statt "Palast" (дворец) und "Tuten Gat" statt "Guten Tag".
Ich finde das blöd (считаю это глупым), der König fand das lustig. Ein ganzes halbes Jahr (целых полгода) lang fand er es lustig, bis zum 7. Juli, und am achten, als er aufstand und der Narr kam und "Tuten Gat, Stajesmät" sagte, sagte der König:
"Schafft mir den Narren vom Hals!" (избавьте меня от этого дурака: уберите с шеи)

Und deshalb haben Könige Hofnarren.
Die dürfen tun, was sie wollen, und sagen, was sie wollen, um den König zum Lachen zu bringen, und wenn er über sie nicht mehr lachen kann, bringt er sie um oder so.
So hatte er einmal einen Narren, der verdrehte die Worte. Das fand der König lustig. Der, sagte "Stajesmät" statt "Majestät", der sagte "Lapast" statt "Palast" und " Tuten Gat" statt "Guten Tag".
Ich finde das blöd, der König fand das lustig. Ein ganzes halbes Jahr lang fand er es lustig, bis zum 7. Juli, und am achten, als er aufstand und der Narr kam und " Tuten Gat, Stajesmät" sagte, sagte der König:
"Schafft mir den Narren vom Hals!"

Ein anderer Narr, ein kleiner; dicker (толстый), Pepe hieß der, gefiel dem König sogar (даже) nur vier Tage lang (только четыре дня), der brachte den König damit zum Lachen, dass er auf die Stühle (стулья) der Damen und Herren, der Fürsten (князья), Herzöge (герцоги), Freiherren (бароны) und Ritter (рыцари) Honig strich (медом намазывал: streichen). Am vierten Tag strich er Honig auf den Stuhl des Königs, und der König musste nicht mehr lachen, und Pepe war kein Narr mehr.
Nun kaufte (купил) sich der König den schrecklichsten (самого ужасного) Narren der Welt (на свете). Hässlich (безобразный) war er, dünn und dick zugleich (худой и толстый одновременно), lang und klein zugleich, und sein linkes Bein (левая нога):
war ein O-Bein (колесом). Niemand wusste, ob er sprechen konnte und absichtlich (нарочно) nicht sprach oder ob er stumm war (немой). Sein Blick war böse (взгляд был злым), sein Gesicht mürrisch (лицо угрюмым); das einzig Liebliche an ihm (единственное приятное в нем) war sein Name: er hieß Hänschen.

Ein anderer Narr, ein kleiner; dicker, Pepe hieß der, gefiel dem König sogar nur vier Tage lang, der brachte den König damit zum Lachen, dass er auf die Stühle der Damen und Herren, der Fürsten, Herzöge, i Freiherren und Ritter Honig strich. Am vierten Tag strich er Honig auf den Stuhl des Königs, und der König musste nicht mehr lachen, und Pepe war kein Narr mehr.
Nun kaufte sich der König den schrecklichsten Narren der Welt. Hässlich war er, dünn und dick zugleich, lang und klein zugleich, und sein linkes Bein:
war ein O-Bein. Niemand wusste, ob er sprechen konnte und absichtlich nicht sprach oder ob er stumm war. Sein Blick war böse, sein Gesicht mürrisch; das einzig Liebliche an ihm war sein Name: er hieß Hänschen.

Das Grässlichste (самое ужасное)aber war sein Lachen.
Es begann (начинаться: beginnen) ganz klein und gläsern (стеклянный), ganz tief im Bauch (в животе), gluckste (издавать клокочущие звуки) hoch, ging langsam über in ein Rülpsen (медленно переходил в отрыжку), machte Hänschens Kopf rot, ließ ihn fast ersticken (почти заставлял его задохнуться), bis er losplatzte (вырывался), explodierte (взрывался), dröhnte (гремел), schrie (кричал); dann stampfte er dazu (еще и топал) und tanzte und lachte; und nur der König freute sich daran (радовался этому), die andern wurden bleich (бледнели), begannen zu zittern (начинали дрожать) und fürchteten sich (боялись). Und wenn die Leute rings um das Schloss das Lachen hörten, sperrten sie Türen und Fenster zu (запирали двери и окна), schlossen die Läden (ставни), brachten die Kinder zu Bett (укладывали детей в постель) und verschlossen sich die Ohren mit Wachs (затыкали уши воском).
Hänschens Lachen war das Fürchterlichste (самое ужасное), was es gab.
Der König konnte sagen, was er wollte (мог говорить, что хотел), Hänschen lachte.

Das Grässlichste aber war sein Lachen.
Es begann ganz klein und gläsern, ganz tief im Bauch, gluckste hoch, ging langsam über in ein Rülpsen, machte Hänschens Kopf rot, ließ ihn fast ersticken, bis er losplatzte, explodierte, dröhnte, schrie; dann stampfte er dazu und tanzte und lachte; und nur der König freute sich daran, die andern wurden bleich, begannen zu zittern und fürchteten sich. Und wenn die Leute rings um das Schloss das Lachen hörten, sperrten sie Türen und Fenster zu, schlossen die Läden, brachten die Kinder zu Bett und verschlossen sich die Ohren mit Wachs.
Hänschens Lachen war das Fürchterlichste, was es gab.
Der König konnte sagen, was er wollte, Hänschen lachte.

Der König sagte Dinge (вещи), über die niemand lachen kann (над которыми никто не может смеяться), aber Hänschen lachte. Und eines Tages sagte der König: "Hänschen, ich hänge dich auf (повешу тебя)."
Und Hänschen lachte, brüllte los (взревел), lachte wie noch nicht (как еще никогда). Da beschloss (решил: beschließen) der König, dass Hänschen morgen gehängt werden soll (должен быть повешен). Er ließ einen Galgen bauen (велел построить виселицу), und es war ihm ernst (серьезно) mit seinem Beschluss (решение), er wollte Hänschen vor dem Galgen lachen hören. Dann befahl (приказал: befehlen) er allen Leuten, sich das böse Schauspiel anzuschauen (посмотреть злой спектакль).
Die Leute versteckten sich (спрятались) aber und verriegelten (заперли на засов) ihre Türe, und am Morgen war der König mit dem Henker (палач), mit den Knechten (слуги) und dem lachenden Hänschen allein.
Und er schrie seinen Knechten zu: "Holt mir die Leute her (приведите)!" Die Knechte suchten die ganze Stadt ab (обыскали: absuchen) und fanden niemanden, und der König war zornig (в гневе: der Zorn), und Hänschen lachte.

Der König sagte Dinge, über die niemand lachen kann, aber Hänschen lachte. Und eines Tages sagte der König: "Hänschen, ich hänge dich auf."
Und Hänschen lachte, brüllte los, lachte wie noch nicht. Da beschloss der König, dass Hänschen morgen gehängt werden soll. Er ließ einen Galgen bauen, und es war ihm ernst mit seinem Beschluss, er wollte Hänschen vor dem Galgen lachen hören. Dann befahl er allen Leuten, sich das böse Schauspiel anzuschauen.
Die Leute versteckten sich aber und verriegelten ihre Türe, und am Morgen war der König mit dem Henker, mit den Knechten und dem lachenden Hänschen allein.
Und er schrie seinen Knechten zu: "Holt mir die Leute her!" Die Knechte suchten die ganze Stadt ab und fanden niemanden, und der König war zornig, und Hänschen lachte.

Da endlich (наконец) fanden die Knechte einen Knaben, (мальчика: der Knabe, -en, -en) den schleppten (притащили) sie vor den König. Der Knabe war klein, bleich (бледный) und schüchtern (робкий), und der König wies auf den Galgen (указал на виселицу: weisen) und befahl ihm, zuzuschauen (приказал ему смотреть).
Der Knabe schaute zum Galgen, lächelte, klatschte in die Hände (захлопал в лaдоши), staunte und sagte dann: "Sie müssen ein guter König sein, dass Sie ein Bünklein (голубятню) für die Tauben bauen (для голубей строите); sehn Sie, zwei haben sich bereits darauf gesetzt (уже на нее сели)."
"Du bist ein Trottel", sagte der König, "wie heißt, du?"
"Ich bin ein Trottel, Herr König, und heiße Colombo, meine Mutter nennt mich (называет меня) Colombin."
"Du Trottel", sagte der König, "hier wird jemand gehängt."
"Wie heißt er denn?" fragte Colombin, und als er den Namen hörte, sagte er: "Ein schöner Name, Hänschen heißt er also. Wie kann man einen Mann, der so schön heißt, aufhängen?"
"Er lacht so grässlich", sagte der König, und er befahl dem Hänschen zu lachen, und Hänschen lachte doppelt so grässlich wie gestern (вдвое ужаснее).
Colombin staunte (удивился), dann sagte er: "Herr König, finden Sie das grässlich (считаете, что это ужасно)?"
Der König war überrascht (удивлен) und konnte nicht antworten, und Colombin fuhr fort (продолжал: fortfahren):
"Mir gefällt sein Lachen nicht besonders (не особенно), aber die Tauben sitzen immer noch auf dem Galgen; es hat sie nicht erschreckt (не испугал); sie finden das Lachen nicht grässlich. Tauben haben ein feines Gehör (тонкий слух). Man muss Hänschen laufen lassen (надо отпустить)."
Der König überlegte (подумал) und sagte dann: "Hänschen, scher dich zum Teufel (убирайся к черту)."
Und Hänschen sprach zum ersten Mal (в первый раз) ein Wort. Er sagte zu Colombin: "Danke!" und lächelte dazu ein schönes menschliches Lächeln (человеческий) und ging (ушел).

Da endlich fanden die Knechte einen Knaben, den schleppten sie vor den König. Der Knabe war klein, bleich und schüchtern, und der König wies auf den Galgen und befahl ihm, zuzuschauen.
Der Knabe schaute zum Galgen, lächelte, klatschte in die Hände, staunte und sagte dann: "Sie müssen ein guter König sein, dass Sie ein Bünklein für die Tauben bauen; sehn Sie, zwei haben sich bereits darauf gesetzt."
"Du bist ein Trottel", sagte der König, "wie heißt, du?"
"Ich bin ein Trottel, Herr König, und heiße Colombo, meine Mutter nennt mich Colombin."
"Du Trottel", sagte der König, "hier wird jemand gehängt."
"Wie heißt er denn?" fragte Colombin, und als er den Namen hörte, sagte er: "Ein schöner Name, Hänschen heißt er also. Wie kann man einen Mann, der so schön heißt, aufhängen?"
"Er lacht so grässlich", sagte der König, und er befahl dem Hänschen zu lachen, und Hänschen lachte doppelt so grässlich wie gestern.
Colombin staunte, dann sagte er: "Herr König, finden Sie das grässlich?"
Der König war überrascht und konnte nicht antworten, und Colombin fuhr fort:
"Mir gefällt sein Lachen nicht besonders, aber die Tauben sitzen immer noch auf dem Galgen; es hat sie nicht erschreckt; sie finden das Lachen nicht grässlich. Tauben haben ein feines Gehör. Man muss Hänschen laufen lassen."
Der König überlegte und sagte dann: "Hänschen, scher dich zum Teufel."
Und Hänschen sprach zum ersten Mal ein Wort. Er sagte zu Colombin: "Danke!" und lächelte dazu ein schönes menschliches Lächeln und ging.

Der König hatte keinen Narren mehr.
"Komm mit", sagte er zu Colombin.
Des Königs Diener und Mägde, die Grafen und alle glaubten aber (считали), Colombin sei der neue Hofnarr (будто он новый шут).
Doch Colombin war gar nicht lustig (совсем не веселый). Er stand da und staunte (удивлялся), sprach selten ein Wort (редко) und lachte nicht, er lächelte (улыбался) nur und brachte niemanden zum Lachen.
"Er ist kein Narr, er ist ein Trottel", sagten die Leute und Colombin sagte: "Ich bin kein Narr, ich bin ein Trottel."
Und die Leute lachten ihn aus (смеялись над ним).
Wenn das der König gewusst hätte (если бы знал), wäre er böse geworden (рассердился бы), – aber Colombin sagte ihm nicht davon (об этом), denn es machte ihm nichts aus (не имело никакого значения), ausgelacht zu werden (быть высмеянным).
Am Hofe gab es starke Leute und gescheite Leute (разумные), der König war ein König, die Frauen waren schön und die Männer mutig (мужественные), der Pfarrer (священник) war fromm (набожен) und die Küchenmagd fleißig (кухарка усердна) – nur Colombin, Colombin war nichts.
Wenn jemand sagte: "Komm, Colombin, kämpf mit mir (борись со мною)", sagte Colombin: "Ich bin schwächer als du (слабее)."
Wenn jemand sagte: " Wieviel gibt zwei mal sieben (сколько будет)?" sagte Colombin: "Ich bin dümmer als du (глупее)."
Wenn jemand sagte: "Getraust du dich, über den Bach zu springen (отважишься ли ты перепрыгнуть через ручей)?" sagte Colombin: "Nein, ich getraue mich nicht (не отважусь)."

Der König hatte keinen Narren mehr.
"Komm mit", sagte er zu Colombin.
Des Königs Diener und Mägde, die Grafen und alle glaubten aber, Colombin sei der neue Hofnarr.
Doch Colombin war gar nicht lustig. Er stand da und staunte, sprach selten ein Wort und lachte nicht, er lächelte nur und brachte niemanden zum Lachen.
"Er ist kein Narr, er ist ein Trottel", sagten die Leute und Colombin sagte: "Ich bin kein Narr, ich bin ein Trottel."
Und die Leute lachten ihn aus.
Wenn das der König gewusst hätte, wäre er böse geworden,- aber Colombin sagte ihm nicht davon, denn t es machte ihm nichts aus, ausgelacht zu werden.
Am Hofe gab es starke Leute und gescheite Leute, der König war ein König, die Frauen waren schön und die Männer mutig, der Pfarrer war fromm und die Küchenmagd fleißig – nur Colombin, Colombin war nichts.
Wenn jemand sagte: "Komm, Colombin, kämpf mit mir", sagte Colombin: "Ich bin schwächer als du."
Wenn jemand sagte: "Wie viel gibt zwei mal sieben?" sagte Colombin: "Ich bin dümmer als du."
Wenn jemand sagte: "Getraust du dich, über den Bach zu springen?" sagte Colombin: "Nein, ich getraue mich nicht."

Und wenn der König fragte: "Colombin, was willst du werden (кем ты хочешь стать)?" antwortete Colombin: "Ich will nichts werden, ich bin schon etwas (я уже являюсь кем-то), ich bin Colombin."
Der König sagte: "Du musst aber etwas werden", und Colombin fragte: "Was kann man werden (кем можно стать)?"
Da sagte der König: "Jener Mann (тот) mit dem Bart (с бородой), mit dem braunen, ledernen Gesicht (коричневым, огрубевшим лицом: das Leder – кожа), das ist ein Seefahrer (моряк). Der wollte Seefahrer werden und ist Seefahrer geworden, er segelt über die Meere (ходит под парусами по морям) und entdeckt Länder (открывает земли) für seinen König."
" Wenn du willst, mein König", sagte Colombin, "werde ich Seefahrer."
Da musste der ganze Hof lachen.

Und wenn der König fragte: "Colombin, was willst du werden?" antwortete Colombin: "Ich will nichts werden, ich bin schon etwas, ich bin Colombin."
Der König sagte: "Du musst aber etwas werden", und Colombin fragte: " Was kann man werden?"
Da sagte der König: "Jener Mann mit dem Bart, mit dem braunen, ledernen Gesicht, das ist ein Seefahrer. Der wollte Seefahrer werden und ist Seefahrer geworden, er segelt über die Meere und entdeckt Länder für seinen König."
"Wenn du willst, mein König", sagte Colombin, "werde ich Seefahrer."
Da musste der ganze Hof lachen.

Und Colombin rannte weg, fort aus dem Saal (из зала) und schrie: "Ich werde ein Land entdecken (открою), ich werde ein Land entdecken!"
Die Leute schauten sich an (посмотрели друг на друга) und schüttelten die Köpfe (покачали головами), und Colombin rannte (бежал: rennen) aus dem Schloss, durch die Stadt und über das Feld (через поле), und den Bauern (крестьянам), die auf den Feldern standen und ihm nachschauten (смотрели вслед), rief er zu: "Ich werde ein Land entdecken, ich werde ein Land entdecken!"
Und er kam in den Wald (лес) und versteckte sich wochenlang (прятался неделями) unter den Büschen (под кустами), und wochenlang hörte niemand etwas von Colombin, und der König war traurig und machte sich Vorwürfe (упрекал себя), und die Hofleute schämten sich (стыдились), weil sie Colombin ausgelacht hatten.
Und sie waren froh, als nach Wochen der Wächter auf dem Turm (часовой на башне) die Fanfare blies (затрубил) und Colombin über die Felder kam, durch die Stadt kam, durchs Tor kam, vor den König trat und sagte: "Mein König, Colombin hat ein Land" entdeckt!".
Und weil die Hofleute Colombin nicht mehr auslachen wollten, machten sie ernste Gesichter (серьезные) und fragten: "Wie heißt es denn, und wo liegt es (где находится)?"
"Es heißt noch nicht, weil ich es erst entdeckt habe, und es liegt weit draußen (снаружи) im Meer", sagte Colombin.
Da erhob sich der bärtige Seefahrer (поднялся бородатый моряк) und sagte:
"Gut, Colombin, ich, Amerigo Vespucci, gehe das Land suchen. Sag mir, wo es liegt."
"Sie fahren ins Meer und dann immer geradeaus (прямо), und Sie müssen fahren, bis Sie zu dem Land kommen, und Sie dürfen nicht verzweifeln (не должны отчаиваться)", sagte Colombin, und er hatte fürchterlich Angst (ужасный страх), weil er ein Lügner war (лжец) und wusste, dass es das Land nicht gibt, und er konnte nicht mehr schlafen.
Amerigo Vespucci aber machte sich auf die Suche (отправился на поиски).

Und Colombin rannte weg, fort aus dem Saal und schrie: "Ich werde ein Land entdecken, ich werde ein Land entdecken!"
Die Leute schauten sich an und schüttelten die Köpfe, und Colombin rannte aus dem Schloss, durch die Stadt und über das Feld, und den Bauern, die auf den Feldern standen und ihm nachschauten, rief er zu: "Ich werde ein Land entdecken, ich werde ein Land entdecken!"
Und er kam in den Wald und versteckte sich wochenlang unter den Büschen, und wochenlang hörte niemand etwas von Colombin, und der König war traurig und machte sich Vorwürfe, und die Hofleute schämten sich, weil sie Colombin ausgelacht hatten.
Und sie waren froh, als nach Wochen der Wächter auf dem Turm die Fanfare blies und Colombin über die Felder kam, durch die Stadt kam, durchs Tor kam, vor den König trat und sagte: "Mein König, Colombin hat ein Land" entdeckt!" .
Und weil die Hofleute Colombin nicht mehr auslachen wollten, machten sie ernste Gesichter und
fragten: " Wie heißt es denn, und wo liegt es?"
"Es heißt noch nicht, weil ich es erst entdeckt habe, und es liegt weit draußen im Meer", sagte Colombin.
Da erhob sich der bärtige Seefahrer und sagte:
"Gut, Colombin, ich, Amerigo Vespucci, gehe das Land suchen. Sag mir, wo es liegt."
"Sie fahren ins Meer und dann immer geradeaus, und Sie müssen fahren, bis Sie zu dem Land kommen, und Sie dürfen nicht verzweifeln", sagte Colombin, und er hatte fürchterlich Angst, weil er ein Lügner war und wusste, dass es das Land nicht gibt, und er konnte nicht mehr schlafen.
Amerigo Vespucci aber machte sich auf die Suche.

Niemand weiß, wohin er gefahren ist.
Vielleicht hat auch er sich im Walde versteckt.
Dann bliesen die Fanfaren, und Amerigo kam zurück.
Colombin wurde rot im Gesicht und wagte den großen Seefahrer nicht anzuschauen (не решался посмотреть). Vespucci stellte sich vor den König, blinzelte dem Colombin zu (подмигнул), holte tief Atem (глубоко вздохнул), blinzelte noch einmal dem Colombin zu und sagte laut und deutlich (громко и четко), so dass es alle hören konnten:
"Mein König", so sagte er, "mein König, das Land gibt es."
Colombin war so froh, dass ihn Vespucci nicht verraten hatte (не предал), dass er auf ihn zulief (подбежал к нему), ihn umarmte (обнял) und rief: "Amerigo, mein lieber Amerigo!"
Und die Leute glaubten (подумали), das sei der Name des Landes (будто это название земли), und sie nannten das Land, das es nicht gibt (которой нет), "Amerika".
"Du bist jetzt ein Mann", sagte der König zu Colombin, "von nun ab (отныне) heißt du Kolumbus."
Und Kolumbus wurde berühmt (знаменит), und alle bestaunten ihn (восхищались) und flüsterten sich zu (шептали): "Der hat Amerika entdeckt."
Und alle glaubten, dass es Amerika gibt, nur Kolumbus war nicht sicher (не был уверен), sein ganzes Leben zweifelte er daran (всю жизнь в этом сомневался), und er wagte den Seefahrer nie nach der Wahrheit zu fragen (не решался спросить правду).
Bald (вскоре) fuhren aber andere Leute nach Amerika und bald sehr viele; und die, die zurückkamen (и те, что возвращались), behaupteten (утверждали):
"Amerika gibt es!"
Ich, sagte der Mann, vor dem ich die Geschichte habe, ich war noch nie in Amerika. Ich weiß nicht, ob es Amerika gibt (не знаю, есть ли). Vielleicht tun die Leute nur so (люди только притворяются), um Colombin nicht zu enttäuschen (не разочаровать). Und wenn zwei sich von Amerika erzählen, blinzeln sie sich heute noch zu, und sie sagen fast nie Amerika (почти никогда), sie sagen meistens (чаще всего) etwas Undeutliches (что-то невнятное) von "Staaten" oder "Drüben" oder so (о "Штатах" или "там, за морем", или вроде того).
Vielleicht erzählt man den Leuten, die nach Amerika wollen, im Flugzeug (в самолете) oder im Schiff (в корабле) die Geschichte von Colombin, und dann verstecken sie sich irgendwo (где-нибудь) und kommen später zurück und erzählen von Cowboys und von Wolkenkratzern (небоскребах), von den Niagarafällen (Ниагарских водопадах) und vom Mississippi, von New York und von San Francisco.
Auf jeden Fall (во всяком случае) erzählen alle dasselbe (одно и то же), und alle erzählen Dinge, die sie vor der Reise (перед путешествием) schon wussten; und das ist doch sehr verdächtig (подозрительно).
Aber immer noch streiten sich die Leute darüber (спорят), wer Kolumbus wirklich war (на самом деле).
Ich weiß es.

Niemand weiß, wohin er gefahren ist.
Vielleicht hat auch er sich im Walde versteckt.
Dann bliesen die Fanfaren, und Amerigo kam zurück.
Colombin wurde rot im Gesicht und wagte den großen Seefahrer nicht anzuschauen. Vespucci stellte sich vor den König, blinzelte dem Colombin zu, holte tief Atem, blinzelte noch einmal dem Colombin zu und sagte laut und deutlich, so dass es alle hören konnten:
"Mein König", so sagte er, "mein König, das Land gibt es."
Colombin war so froh, dass ihn Vespucci nicht verraten hatte, dass er auf ihn zulief, ihn umarmte und rief: "Amerigo, mein lieber Amerigo!"
Und die Leute glaubten, das sei der Name des Landes, und sie nannten das Land, das es nicht gibt, "Amerika".
"Du bist jetzt ein Mann", sagte der König zu Colombin, "von nun ab heißt du Kolumbus."
Und Kolumbus wurde berühmt, und alle bestaunten ihn und flüsterten sich zu: "Der hat Amerika entdeckt.
Und alle glaubten, dass es Amerika gibt, nur Kolumbus war nicht sicher, sein ganzes Leben zweifelte er daran, und er wagte den Seefahrer nie nach der Wahrheit zu fragen.
Bald fuhren aber andere Leute nach Amerika und bald sehr viele; und die, die zurückkamen, behaupteten:
"Amerika gibt es!"
Ich, sagte der Mann, vor dem ich die Geschichte habe, ich war noch nie in Amerika. Ich weiß nicht, ob es Amerika gibt. Vielleicht tun die Leute nur so, um Colombin nicht zu enttäuschen.
Und wenn zwei sich von Amerika erzählen, blinzeln sie sich heute noch zu, und sie sagen fast nie Amerika, sie sagen meistens etwas Undeutliches von "Staaten" oder "Drüben" oder so.
Vielleicht erzählt man den Leuten, die nach Amerika wollen, im Flugzeug oder im Schiff die Geschichte von Colombin, und dann verstecken sie sich irgendwo und kommen später zurück und erzählen von Cowboys und von Wolkenkratzern, von den Niagarafällen und vom Mississippi, von New York und von San Francisco.
Auf jeden Fall erzählen alle dasselbe, und alle erzählen Dinge, die sie vor der Reise schon wussten; und das ist doch sehr verdächtig.
Aber immer noch streiten sich die Leute darüber, wer Kolumbus wirklich war.
Ich weiß es.


Peter Bichsel geboren am 24.3.1935 als Sohn eines Handwerkers in Luzern, ist in Olten aufgewachsen. Nach der Ausbildung zum Primarlehrer arbeitete er bis 1968 in diesem Beruf. Von 1974 bis 1981 war Bichsel persönlicher Berater des damaligen Bundesrates Willy Ritschard. Zwischen 1972 und 1989 hielt er sich mehrere Male als "Writer in Residence" und Gastdozent an amerikanischen Universitäten auf. Er lebt in Bellach (Kanton Solothurn).
"Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen" (1964) ist der Titel des ersten und bekanntesten Prosabandes und zugleich die Kurzform einer Bichselschen Geschichte. Noch schmaler als der Erstling, aber ebenso erfolgreich sind die "Kindergeschichten" (1969). Sie handeln vom trotzigen Wunsch, die Worte wörtlich zu nehmen und die Welt der Tatsachen damit zu provozieren: dass die Erde rund und ein Tisch ein Tisch sei. In den siebziger und fröhen achtziger Jahren drängten Bichsels journalistische Arbeiten seine literarischen weitgehend in den Hintergrund. Erst mit "Der Busant" (1985) und den darin enthaltenen Höhepunkten "Der Busant" und "Warten in Baden-Baden" erschienen wieder "richtige" Bichsel-Geschichten. Peter Bichsel hat zwar den Lehrerberuf aufgegeben, aber er ist Lehrer geblieben. Seine Texte belehren uns, dass sich in der Banalität des Lebens etwas herstellen lässt, was ihr vielleicht noch Sinn gibt, das Mitteilbare.


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Рассказ адаптировала Мария Ефремова

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Создан 13 фев 2008



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